Donnerstag, 6. Oktober 2016

5 Jahre mein Mädchen und 1 Jahr klein Bohne



Es ist wieder Oktober, vor fünf Jahren wurde ich im Oktober zum zweiten Mal Mutter.
Ich wurde nicht nur Mutter, ich wurde mit einer wunderbaren Geburt belohnt, die mich von der traumatisierenden ersten Entbindung befreit hat, mich versöhnt hat.
Auf dem Tag genau, vier Jahre später  wurde noch so ein kleines Wunder geboren, der Sohn meiner liebsten Hebamme. Das Datum schien ihm wohl genauso zu gefallen,wie meiner Maus, denn eigentlich hätte er noch Zeit gehabt zum Brüten. Aber manchmal können es die Mäuse es einfach nicht abwarten ihre Eltern kennenzulernen,  was ich in diesem Fall total verstehen kann.
Sie hat schon mal einen Brief hier veröffentlicht. 
Nun habe ich die Ehre ihren Geburtsbericht mit euch zu teilen.


"Von der Babyparty zum Bajewäsche in 7,5 Wochen

Es ist Montag der 05.10.2015. Ich mag Montage, sie strotzen immer vor Neubeginn, neuer Energie. Und offenen Geschäften. Eine lange Einkaufsliste, die abgearbeitet werden möchte liegt in der Küche.
Ich habe den gesamten gestrigen Tag auf dem Sofa verbracht. Eigentlich war ein Ausflug auf die Ronneburg geplant, aber eine bräunliche Schmierblutung sagt mir, dass ich mich lieber ans Sofa kette. Eine leichte bräunliche Blutung ist kein Grund für Panik und acht Wochen vor Termin mal normal.
Ich bin heute in der 32 plus 3 Schwangerschaftswoche, 28 Jahre alt, Hebamme und plane eine Geburt zu Hause.
Die Hälfte der Artikel auf meiner Einkaufsliste wollen aus dem Baumarkt besorgt werden und sind für meine kleine romantische Hausgeburt.
Montags ist die Blutung verschwunden, aber sie lässt mich nicht los. Das Telefon klingelt. Meine Hebamme ist dran, sie hat die ganze Nacht gearbeitet und will die Schwangerenvorsorgeuntersuchung verschieben, Kein Problem. Wir haben Zeit. Ich telefoniere mit einer befreundeten Ärztin, die heute keine Zeit hat nach mir zu sehen, aber morgen. Kein Problem. Wir haben ja Zeit, es geht mir gut.
Wir bringen unseren Haushalt in Ordnung und starten am Vormittag.
12:01 Uhr wir kaufen im Paradieschen Suppengewürz für Kürbissuppe und einen Kürbis.
Klein Bohne in mir strampelt, auch das Ungeborene mag heute unbedingt Kürbissuppe essen. Die Sonne scheint und das Wetter ist gut. Die Suppe wird auf der Terrasse gegessen.
Um 12:35 Uhr erstehen wir im Mediamarkt eine neue Mikrowelle, um die schönen Kirschkernsäckchen aufzuwärmen.
Auf dem Kassenbon von LIDL um wird die Uhrzeit 13:31 Uhr abgedruckt, als wir unseren Wocheneinkauf erledigen. Was besonderes kann ich gerade nicht entdecken, ich wollte wohl backen. Ich erinnere mich für diese Woche zwei Torten machen zu wollen.
Die Vorletzte Station ist bei Rossmann. Wir kaufen um 13:53 Uhr unsere Urlaubsfotos, die wir über das Fotolabor haben entwickeln lassen. Ein Nierenwärmer und eine Naturmoorkissen aus der Ideenwelt.
Vor dem Geschäft treffe ich eine von mir betreute Frau. Die treffe ich ständig und überall. Wir verquatschen uns.
Um 14:20 Uhr kaufen wir ein Päckchen Paracetamol in der Apotheke. Zum ersten Mal in der Schwangerschaft verspüre ich seit dem Besuch bei LIDL einen pulsierenden Kopfschmerz über dem rechten Auge. Eine beginnende Migräne?

Zu Hause beschließe ich ins Bett zu gehen. Mein Mann kümmert sich um die gekauften Sachen. Der Baumarktbesuch ist verschoben. Kein Problem. Wir haben Zeit.

Um 15:45 Uhr werde ich wach, der Kopfschmerz ist weg, mein Mann sitzt am Bett und fragt, ob es mir besser geht und ich etwas essen möchte.

Pitsch. Was war das? Ich laufe aus. Pinkel ich grad ein? Was los ist, möchte mein Mann wissen. Weiß ich nicht, antworte ich. Ich weiß es eigentlich genau. Meine Fruchtblase ist geplatzt. Ich gehe zur Toilette, gegenüber des Schlafzimmer. Es läuft. So fühlt sich das also an. Er folgt mir, alles in Ordnung, Schatz? Ja, meine Fruchtblase ist geplatzt.
Bist du dir sicher? Ja, ich bin mir sicher. Und was jetzt? Soll ich unsere Hebamme anrufen?
Du brauchst sie nicht anrufen, sie näht sie jetzt auch nicht wieder zu.
Alles läuft in einer Ruhe ab, dass man glauben könnte, man befände sich inmitten einer Loriot-Szene. Gleich wird jemand sagen, es ist noch Suppe da.
Aber keiner sagt, dass noch Suppe da ist. Ich bitte meinen Mann um ein Handtuch und um ein Telefon. Ich telefoniere mit einer befreundeten Hebamme. Ich versuche das nächstgelegene Krankenhaus anzurufen. Mein Wissen ist wie weggeblasen. Wie weit bin ich schwanger? Wo darf ich eigentlich hin? Fahren wir mit einem Krankenwagen?

Ich sammle mich. Danach ziehe ich mich um, wir schnappen Portemonnaie und Mutterpass, ich öffne unser Hoftor und wir fahren mit dem Privat-PKW ins nächstgelegen Krankenhaus. Ich habe von Beginn der Schwangerschaft eine ausgezeichnete Verbindung zu meinem Kind. Es geht ihm gut, das spüre ich.
Ich bin nicht aufgeregt. Ich bin auch nicht traurig, eine Frühgeburt, bedeutet eben keine Hausgeburt, damit kann ich leben. Et kütt, wie et kütt.

Angekommen im Krankenhaus gehen wir Hand in Hand in den Kreißsaal. Bekannte Gesichter schauen mich erstaunt an. Was ich hier mache? Ja, einen Blasensprung habe ich. Ich bin in der 32 plus 3 Schwangerschaftswoche. Ja, das ist ja jetzt doof. Wir lachen.
Und als ob Bohne abgewartet hätte, setzen jetzt Wehen ein.

In meinem HypnoBirthing Kurs habe ich gelernt Wehen als Wellen zu bezeichnen. Das kann ich gerade nicht mehr, sie tun verdammt weh. Ich muss veratmen.
Ich liege eine gefühlte Ewigkeit am CTG, es geht mir gut. Wir rufen niemanden an. Der Ultraschall ist gut. Man möchte probieren, die Geburt noch etwas aufzuhalten. Ich bekomme punkt 19:00 Uhr eine Tokolyse (Wehenhemmer) und Celestan (Lungenreife, die es dem Baby nach der Geburt erleichtern soll zu Atmen). Ich weiß innerlich, dass es nichts nützen wird. Ich lache. Es wird kommen.
Ich verbringe die gesamte Nacht im Kreißsaal. Nicht schlafend, Alle zehn Minuten habe ich Wehen. Alle zwei Stunden steht der Oberarzt am Bett und fragt mich nach meinem Befinden. Ich versuche alle zwei Stunden ihn davon zu überzeugen, dass das Kind kommt. Ohne Erfolg.

Am folgenden Mittag, Dienstag der 06.10.2015 ist es dann soweit. Die Geburt von Bohne lässt sich nicht aufhalten. Warum auch, Bohne wird schon wissen was es da tut. Der Wehenhemmer kommt weg, die zweite Lungenreife wird vorgezogen.

Die folgenden 2,5 Stunden behalte ich im Detail für mich. Ich konnte mein HypnoBirthing anwenden. 

Um 17:34 Uhr bin ich überwältigt. Ich lerne das beste Blind Date meines Lebens kennen. Linus. Er ist perfekt. 1830 g Geburtsgewicht, 46cm Länge und 32,5cm Kopfumfang. Man lässt mir Zeit zu bonden (nackiges Kuscheln direkt nach der Geburt, Haut an Haut). Dann übergebe ich Linus an den bereitstehenden Kinderarzt.
Um 17:40 Uhr verlässt der Kapitän, meine Plazenta, das Mutterschiff. Die Geburt ist vorbei. Ich bin Mama (das bin ich seit dem 15.03. aber heute endgültig).



Heute ist Linus 11 Monate und zwei Wochen alt, wir planen aktuell akribisch seinen ersten Geburtstag. Ich nehme mir seit seinem Geburtstag vor, die Geburt aufzuschreiben. Ich wurde gebeten, noch ein paar Details über das erste Jahr zu verraten.

Mein Junge ist gesund, wir konnten ihn nach schon dreieinhalb Wochen mit in sein Zu Hause nehmen. Er entwickelt sich prächtig und er bereitet uns jeden Tag sehr viel Freude. 

Ob es einschneidend war? Ja, sehr.
Ob ich noch ein Kind bekomme? Ja, ganz sicher. Nicht heute. Morgen nicht gleich.
Ob ich was anders mache? Vielleicht den Termin erreichen. 
Was ich genauso mache? Bedingungslos lieben. "

Danke, dass du diese wundervolle, wenn auch turbulente Erfahrung hier teilst.
Happy Birthday mein Mädchen und Happy first Birthday Klein Bohne. ❤